Installation view, woolen carpets with ceramic object, 5x100cmx50cm, NBK_Berlin
Installation view, antique photograph, wooden shelf and handcrafted wooden objects, NBK_Berlin
Installation view, knoted carpets with various wooden shelfs and various objects , NBK_Berlin
Installation view, antique photograph, wooden shelf and handcrafted wooden objects, NBK_Berlin
Installation view, wooden shelf and handcrafted wooden objects, NBK_Berlin
Installation view, wooden shelf and handcrafted copper objects, NBK_Berlin
Installation view, wooden shelf and handcrafted fabric objects, NBK_Berlin
Installation view, wooden shelf and handcrafted brass objects, NBK_Berlin
Installation view, wooden shelf and handcrafted ceramic objects, NBK_Berlin

Where are we now (2016)

Wooden shelfs with wood, brass, ceramics, fabric, copper objects and knoted wool carpet
Various Sizes

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Where are we now

Das Werk von Viron Erol Vert umfasst Malerei, Video, Zeichnung, Collage und Skulptur. Für seine raumgreifenden Installationen bedient er sich verschiedener Materialien und Medien, die er zu komplexen Arrangements verknüpft. Die Themenfelder sind stark von seinem eigenen multikulturellen Hintergrund geprägt. Anhand der eigenen Familiengeschichte beleuchtet Vert Fragen nach dem Einfluss kultureller und sprachlicher Wurzeln auf die Bildung von Identität und greift dabei auf Mythen und Legenden zurück. Er prüft ihren Hintergrund und Wahrheitsgehalt und überträgt sie bildlich in die Gegenwart, um die Faktoren Geschichte, Sozialisierung, Kultur und Religion bei der Entwicklung von Identität zu hinterfragen. Verts Hintergrund als Mode-, Textil- und Oberflächendesigner spiegelt sich in der präzisen Verarbeitung vielfältiger Materialien wider, die er gezielt für seine Skulpturen und Installationen einsetzt. In mehreren Werken setzt sich Vert mit dem Mythos des fliegenden Teppichs auseinander. Der Mythos wird in Europa vorrangig mit orientalischen Märchen und religiösen Schriften in Verbindung gebracht, erstmalig wurde der fliegende Teppich in der Geschichte der Messingnen Stadt in der Märchensammlung Tausendundeine Nacht als Geschenk Gottes an den König Salomo beschrieben. Vert interessiert das Bild des Teppichs als Bindeglied zwischen Orient und Okzident, zwischen Kulturen, Welten, Sprachen und Dimensionen. Er untersucht die Idee des mythischen Transportmittels und Mediums zum Überschreiten von Grenzen verschiedener Disziplinen und stellt Bezüge zu Mathematik, Astronomie, Astrologie und Religion her. In Air Abraham (2011) greift Vert das sternförmige Zeichen des Siegel Salomos auf, berechnet die geometrische Grundstruktur neu und lässt sie auf traditionelle Herstellungsart als Muster in einen Teppich verweben. In Abraham I (2014) löst er sich von der textilen Form und überträgt die Auseinandersetzung mit dem Bild des Teppichs auf ein mehrdimensionales Objekt, das sich an der geometrischen Form des Amplituhedron orientiert. Während das Amplituhedron in der Quantenphysik zur Berechnung von Interaktionen einzelner Teilchen verwendet wird, nutzt Vert die Struktur, um Wechselwirkungen und Zusammenhänge von Kultur, Religion, Wissenschaft, Mythos und Sprache zu veranschaulichen. In seiner neuen Arbeit Die Diele (2016) setzt sich Vert mit der aktuellen gesellschaftlichen Situation in Istanbul und den Auswirkungen politischer Repression auf den Lebensalltag auseinander. Er thematisiert die wachsende Protestkultur gegen die Staatsmacht, die in vielen Städten der Türkei mit Polizeigewalt, Tränengas und Wasserwerfern herrscht, sowie die wiederkehrende Unterdrückung nationaler und religiöser Minderheiten, die sich in seiner eigenen Herkunftsgeschichte niederschlägt. Die BewohnerInnen türkischer Städte haben Methoden entwickelt, um sich bei Demonstrationen mit selbstgebastelten Gasmasken aus Alltagsgegenständen wie Plastikflaschen und Büstenhaltern sowie mit Sprühflaschen mit einer Lösung aus Zitronensaft und Backpulver vor der Polizeigewalt zu schützen. Vert unterstreicht die Funktion der Objekte als Kulturgüter infolge der herrschenden Repression und untersucht, inwieweit gesellschaftliche und politische Umstände die Entwicklung von Kulturgütern sowie kultureller Identität beeinflussen und in der Vergangenheit beeinflusst haben. Er lässt die Objekte in fünf verschiedenen Regionen der Türkei aus traditionellen Materialien und mit regional spezifischen Handwerksmethoden nachbauen und verknüpft so Elemente von Kulturgütern vergangener Epochen mit aktuellen Phänomenen. Die Objekte werden auf schlichten Wandregalen präsentiert, ergänzt wird die Installation mit einer fünfteiligen, traditionell geknüpften Teppicharbeit, die zusammengesetzt das türkische Wort für Identität – Kimlik – ergibt. Die räumliche Situation ist einer Diele nachempfunden und steht für den Übergang zwischen dem privaten Raum und der Öffentlichkeit.

Text / Silke Wittig